Was bleibt von Sigmund Freud in der Psychotherapie und Psychoanalyse?
- Dr. phil. Gesche Janzarik

- 3. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Apr.
Sigmund Freud – Neurologe und Begründer der Psychoanalyse – hat wie kaum ein anderer unser Verständnis der menschlichen Psyche geprägt. Was die meisten mit ihm verbinden – der Ödipuskomplex, die Couch, die Vorstellung, dass hinter allem Sexualität steckt – ist zwar weit verbreitet, wird jedoch oft belächelt und selten wirklich verstanden. Vieles davon ist in der psychoanalytischen Arbeit nach wie vor zentral – wird in der Öffentlichkeit aber häufig verkürzt oder verzerrt wiedergegeben. Seine Grundannahmen haben sich nicht nur gehalten, sondern werden durch Neurowissenschaft, Bindungsforschung und Psychotherapieforschung gestützt. Was genau bleibt – und wo hat sich die Psychoanalyse weiterentwickelt?

Das Unbewusste: Freuds haltbarste Idee
Die Idee, dass unbewusste Prozesse unser Erleben steuern, gab es schon vor Freud – bei Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche. Freuds Leistung war es, diese Idee zum Zentrum einer systematischen klinischen Theorie und Methode zu machen: Dass wir handeln, fühlen und entscheiden aus Motiven heraus, die uns nicht unmittelbar zugänglich sind – und dass genau dieses Nicht-Wissen Leid verursachen kann. Zu seiner Zeit war das eine Provokation – die Vorstellung, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind, stellte das Selbstbild einer ganzen Epoche in Frage. Heute stützt die Neurowissenschaft diesen Befund aus verschiedenen Richtungen. Antonio Damasio (Descartes' Error, 1994) hat etwa gezeigt, dass emotionale Prozesse unser Denken und Entscheiden wesentlich steuern – oft ohne dass wir es bemerken. Und Mark Solms, einer der Begründer der Neuropsychoanalyse, hat Freuds Modell des Unbewussten systematisch mit neurowissenschaftlichen Befunden abgeglichen und kommt zu dem Schluss, dass Freud in vielen Punkten erstaunlich nahe an dem war, was die Hirnforschung heute bestätigt (The Hidden Spring, 2021).
Was in der Psychotherapie lebendig wird
Freud hat nicht nur eine Theorie des Unbewussten formuliert – er hat eine klinische Methode entwickelt, um mit dem Unbewussten zu arbeiten. Wie das in der Therapie konkret geschieht, lässt sich an einem Zusammenspiel zeigen, das bis heute den Kern psychoanalytischer Arbeit bildet.
In jeder Therapie zeigt sich, was Freud Übertragung nannte: Wir bringen Gefühle und Erwartungen aus früheren Beziehungen in neue hinein – in die Partnerschaft, an den Arbeitsplatz, in Freundschaften. Das ist kein Fehler, sondern etwas zutiefst Menschliches. Meist bleibt es unbemerkt. In der Therapie aber wird genau das zum Arbeitsmaterial: Wenn ein Patient auf die Therapeutin ähnlich reagiert wie auf eine frühe Bezugsperson – mit Rückzug, Anpassung oder Misstrauen –, werden alte Muster in der Beziehung lebendig und damit bearbeitbar. Shedler (2010) zeigte in seiner viel beachteten Metaanalyse im American Psychologist, dass gerade die Arbeit mit solchen Übertragungsprozessen ein Wirkfaktor ist, der psychodynamische Therapien von anderen Ansätzen unterscheidet.
Dass diese Muster oft nicht leicht zugänglich sind, liegt an dem, was Freud Abwehr nannte – der Fähigkeit der Psyche, schmerzhafte Gefühle, Konflikte oder Erinnerungen vom Bewusstsein fernzuhalten. Verdrängung, Projektion, Rationalisierung: Das sind keine Defekte, sondern Schutzleistungen – das Ich schützt sich vor dem, was es (noch) nicht aushalten kann. Eine Patientin spricht über eine Verlusterfahrung, aber lächelt dabei. Ein anderer Patient richtet seine Wut immer wieder gegen seine Partnerin – ohne zu erkennen, dass der eigentliche Schmerz viel weiter zurückreicht, etwa zu dem Gefühl, von einem Elternteil nie wirklich gesehen oder anerkannt worden zu sein. In der Therapie geht es darum, diese Schutzmechanismen zu verstehen – und behutsam zu hinterfragen, wovor sie schützen und was sich dahinter verbirgt.
Und das Werkzeug, das den Zugang zu all dem schafft, ist die freie Assoziation – das offene Sprechen ohne Zensur und Agenda. Was sich dem Alltagsbewusstsein entzieht, kann sich im freien Sprechen zeigen.
Sexualität, Ödipus und das unbewusste Konfliktgeschehen
Kaum etwas wird so zuverlässig missverstanden wie Freuds Aussagen über Sexualität. Die verbreitete Annahme, Freud habe „alles auf Sex zurückgeführt", greift viel zu kurz. Was Freud beschrieb, war die Bedeutung von Körperlichkeit, Nähe und Begehren für die psychische Entwicklung – von frühester Kindheit an. Schon kleine Kinder erleben Lust, Scham, Eifersucht und das Ringen um die Aufmerksamkeit der Eltern. Sexualität meint bei Freud nicht den Geschlechtsakt, sondern diese gesamte Triebdynamik.
Daraus entwickelte er Konzepte, die bis heute klinisch lebendig sind. Der Ödipuskomplex beschreibt ein Dreieck, das jedes Kind durchläuft: die intensive Bindung an einen Elternteil, die Rivalität mit dem anderen und die Frage, welchen Platz man in der Familie einnimmt. Wie dieses Dreieck erlebt und gelöst wird, prägt spätere Beziehungsmuster – etwa, wie jemand mit Konkurrenz umgeht, ob Nähe als bedrohlich empfunden wird oder ob man sich immer wieder in ähnliche Konstellationen verstrickt. Auch Kastrationsangst und Penisneid klingen in heutigen Ohren befremdlich. Wörtlich genommen wirken sie aus der Zeit gefallen – aber als symbolische Konzepte beschreiben sie etwas, das uns im Alltag ständig begegnet: die Angst, etwas Wesentliches zu verlieren, das Ringen um Macht und Anerkennung, Neid auf das, was andere haben und man selbst nicht.
Was all diese Konzepte verbindet, ist der unbewusste Konflikt: Wir tragen Wünsche in uns, die mit verinnerlichten Verboten oder Ängsten kollidieren – und oft merken wir das nicht. Stattdessen zeigt sich der Konflikt in Symptomen, in Beziehungsschwierigkeiten oder in Mustern, die sich wiederholen, ohne dass wir verstehen, warum. Einen besonderen Zugang zu diesem Konfliktgeschehen bieten Träume und Fantasien. Freud nannte den Traum den „Königsweg zum Unbewussten". Auch wenn die Traumtheorie weiterentwickelt wurde, bleibt die Arbeit mit Träumen und Fantasien zentral: Sie zeigen oft deutlicher als jedes Gespräch, was einen Menschen innerlich bewegt.
Wo Freud nicht mehr trägt
Freud war ein Kind seiner Zeit. Seine Triebtheorie – die Idee, dass psychische Konflikte im Wesentlichen auf unterdrückte sexuelle und aggressive Triebe zurückgehen – spielt in der heutigen Psychoanalyse noch immer eine Rolle, steht aber nicht mehr allein im Zentrum. Hinzu kam beispielsweise mit der Objektbeziehungstheorie ein Verständnis, das psychisches Leid stärker im Zusammenhang mit verinnerlichten Beziehungserfahrungen und Affektregulation verortet.
Verändert hat sich auch die therapeutische Haltung. Freud sah den Analytiker als neutralen Spiegel. Schon Winnicott (1965) betonte die Bedeutung des Haltgebens in der therapeutischen Beziehung, Bion (1962) die Fähigkeit des Analytikers, die unerträglichen Gefühle des Patienten aufzunehmen und verwandelt zurückzugeben – sein Konzept des Containment. Daniel Stern (1998) hat darüber hinaus gezeigt, dass therapeutische Veränderung nicht primär durch Deutung entsteht, sondern in sogenannten Now Moments – Augenblicken echter Begegnung, die das implizite Beziehungswissen verändern. Therapie ist heute kein Einbahnstraßen-Prozess mehr: Sie lebt von der Beziehung zwischen Patient und Therapeutin.
Was das für unsere Arbeit bedeutet
In unserer Praxis arbeiten wir auf der Grundlage, die Freud gelegt hat. Wir nutzen die freie Assoziation, wir arbeiten mit Träumen und Fantasien, wir achten auf Übertragung und Abwehr, wir nehmen unbewusste Konflikte ernst. Die Psychoanalyse ist kein Museum – sie ist ein lebendiges Fach, das sich ständig weiterentwickelt hat, ohne seine Wurzeln aufzugeben.
Wer sich auf eine Psychoanalyse oder tiefenpsychologische Therapie einlässt, begibt sich auf eine Reise zu sich selbst – auf die Erforschung des eigenen Unbewussten. Das braucht vor allem Neugier. Was dabei entstehen kann, geht weit über Symptomlinderung hinaus: Menschen verstehen besser, warum sie so fühlen und handeln, wie sie es tun. Innere Konflikte, die jahrelang Leid verursacht haben, verlieren an Macht. Beziehungen werden freier, weil alte Muster nicht mehr unbemerkt das Erleben bestimmen. Und so lässt sich sagen: Was Freud vor über hundert Jahren begonnen hat, wirkt – in veränderter Form – bis heute.
Quellen
Bion, W. R. (1962). Learning from Experience. London: Heinemann.
Damasio, A. (1994). Descartes' Error: Emotion, Reason, and the Human Brain. New York: Putnam.
Shedler, J. (2010). The efficacy of psychodynamic psychotherapy. American Psychologist, 65(2), 98–109.
Solms, M. (2021). The Hidden Spring: A Journey to the Source of Consciousness. London: Profile Books.
Stern, D. N. et al. (1998). Non-interpretive mechanisms in psychoanalytic therapy: The "something more" than interpretation. International Journal of Psycho-Analysis, 79, 903–921.
Winnicott, D. W. (1965). The Maturational Processes and the Facilitating Environment. London: Hogarth Press.


Kommentare