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Macht KI psychisch krank? Und was wirklich gesund macht

  • Autorenbild: Dr. phil. Gesche Janzarik
    Dr. phil. Gesche Janzarik
  • 15. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Eine person die ein Smartphone in der Hand hält und chattet

Immer mehr Menschen führen lange, persönliche Gespräche mit Chatbots und öffnen sich ihnen wie einem Vertrauten. In psychotherapeutischen Praxen taucht deshalb zunehmend die Frage auf, ob es hilft, eine KI um Rat zu fragen, wenn es einem schlecht geht. Die Frage ist berechtigt, und sie führt zu einer grundsätzlicheren. Was hilft einem Menschen eigentlich, wieder gesund zu werden? Aus psychotherapeutischer Sicht geschieht echte Veränderung zwischenmenschlich, in einer realen Beziehung. Eine Maschine kann vieles, aber genau das nicht. Warum, lässt sich gut am Beispiel der KI zeigen.


Macht KI psychisch krank?

In den Medien kursiert seit einiger Zeit der Begriff „KI-Psychose", etwa bei der Psychiaterin Marlynn Wei (2025), die Fälle beschreibt, in denen Chatbots Wahnideen verstärken, von Größenideen bis zum Liebeswahn. Wissenschaftliche Belege dafür, dass KI für sich genommen eine psychische Erkrankung auslöst, gibt es bislang nicht. Aus klinischer Sicht ist das wenig überraschend, denn die Anfälligkeit besteht in aller Regel schon vorher. KI trifft auf sie und kann sie verstärken, erzeugt sie aber nicht.


KI als Eine Stütze von außen

Vieles hängt an der psychischen Struktur eines Menschen, also daran, wie verlässlich jemand über bestimmte innere Fähigkeiten verfügt. Dazu gehört beispielsweise, Gefühle zu regulieren, zwischen dem eigenen Erleben und dem des Gegenübers zu unterscheiden, Realität von Fantasie zu trennen, die Grenzen anderer zu achten und die eigenen zu schützen. Diese strukturellen Fähigkeiten sind entscheidend dafür, wie wir soziale Beziehungen führen und wie wir mit uns selbst umgehen. Bei den meisten psychisch gesunden Menschen sind diese Fähigkeiten stabil verfügbar, bei Menschen mit schweren psychischen Störungen sind sie brüchig.


Wenn jemand mit einer solchen brüchigen Struktur beginnt, KI als Ersatz für einen Freund oder als engen Ratgeber zu nutzen, übernimmt die Maschine scheinbar genau dort, wo das Selbst die Fähigkeiten nicht aufbringen kann. Sie übernimmt die Regulation von außen, sie ordnet und beruhigt. Das bringt eine unmittelbare Entlastung. Man fühlt sich verstanden und bestätigt, denkt wieder klar und sieht einen Weg vor sich. Der Preis zeigt sich erst später, denn die fehlende Fähigkeit wächst auf diese Weise nicht nach. Sie bleibt im Außen, in einem digitalen, durch Wahrscheinlichkeiten und Wortzusammenhänge erschaffenen Gegenüber.


Was die Säuglingsforschung zeigt

Verständlich wird das, wenn man bis in die Säuglingsforschung zurückgeht. Ein Baby kann sich noch nicht selbst regulieren. Zu Beginn übernehmen die Eltern das. Sie gehen auf das Baby ein, spiegeln seine Gefühle, beruhigen es und geben ihm Halt. Donald Winnicott (1965) hat beschrieben, wie das Kind in diesem verlässlichen Gehaltenwerden überhaupt erst ein eigenes, stabiles Selbst entwickelt. Die Eltern setzen aber auch Grenzen, und so lernt das Kind nach und nach, sich vom anderen zu unterscheiden, Realität und Fantasie zu trennen und auszuhalten, dass es nicht gleich alles bekommt, was es sich wünscht. Diese Abstimmung ist nie perfekt. Eltern und Kind erleben ständig kleine Fehlpassungen und gleichen sie wieder aus, und genau daran wächst die eigene psychische Struktur.


Ein Erwachsener, dem solche Fähigkeiten fehlen, sucht in der KI möglicherweise einen Ersatz dafür, einen Halt von außen für das, was sich innen nie ausbilden konnte. Die KI stimmt sich glatt und reibungslos ab, sie enttäuscht nie und widerspricht nie. Darin liegt Verführung und Verhängnis zugleich.


Wenn Innen und Außen verschwimmen

Besonders heikel ist die Grenze zwischen Innen und Außen. Normalerweise können wir frei fantasieren und wissen zugleich, dass es Fantasie ist. Bei fragiler Struktur, und in der Psychose besonders, wird diese Grenze durchlässig, und innere Bilder werden für äußere Wirklichkeit genommen. KI bewegt sich genau in diesem Zwischenbereich. Sie ist nicht bloß Fantasie, sie antwortet wirklich, und doch ist sie kein menschliches Gegenüber. Dadurch kann eine Beziehung, die eigentlich nur im eigenen Inneren besteht, von außen bestätigt erscheinen. Wer ohnehin schwache Grenzen hat, wird am ehesten in diesen Sog gezogen. Das erklärt, warum derselbe Chatbot für die meisten harmlos und für wenige destabilisierend ist.


Was eine Maschine nicht kann

Das führt zurück zur Ausgangsfrage. Was in einer Therapie heilt, ist nicht in erster Linie ein guter Ratschlag, gutes Zureden oder die richtige Frage. Was heilt, ist zum großen Teil die Beziehung selbst. Eine ihrer wichtigsten Funktionen hat Wilfred Bion (1962) Containment genannt. Die Therapeutin nimmt auf, was die Patientin belastet, hält es aus, verarbeitet es und gibt es in einer Form zurück, mit der sich denken lässt. Ursprünglich stammt diese Fähigkeit aus der frühen Eltern-Kind-Beziehung, in der Therapie wird sie aufgegriffen und weitergeführt.


Entscheidend ist, dass ein echtes Gegenüber mehr wahrnimmt als die Worte. Es spürt, oft unbewusst, was darunter liegt, auch das Ungesagte. Denn was ein Mensch sagt, ist nicht immer das, was er fühlt. Genau hier liegt die Grenze der Maschine. KI antwortet auf das, was geschrieben wird. Was jemand dabei wirklich fühlt, was er verschweigt, was sich zwischen den Zeilen zeigt, erreicht sie nicht. Sherry Turkle (2011) hat früh darauf hingewiesen, dass digitale Nähe die echte verdrängen kann und uns verbunden und zugleich allein zurücklässt.


Ob ein Chatbot hilft, lässt sich deshalb nicht pauschal beantworten. Um sich zu informieren, Gedanken zu sortieren oder etwas für sich festzuhalten, kann er durchaus nützlich sein. Aber das, worauf es in einer Therapie ankommt, kann er nicht leisten. Er setzt keine Grenzen, er spürt nicht, was mitschwingt, und er bleibt etwas, dem man nicht wirklich begegnen kann. Gerade Menschen in einer fragilen Verfassung brauchen aber genau das, ein reales Gegenüber, an dem die fehlenden Fähigkeiten allmählich nachwachsen können.


Veränderung braucht deshalb kein System, das fehlende Funktionen abnimmt, sondern eine Beziehung, in der sie entstehen. KI kann hilfreich sein und macht niemanden verrückt. Aber gesund macht sie auch niemanden.



Quellen

Wei, M. (2025): „The Emerging Problem of 'AI Psychosis'", Psychology Today, 27.11.2025. https://www.psychologytoday.com/us/blog/urban-survival/202507/the-emerging-problem-of-ai-psychosis


Turkle, S. (2011): Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other. Basic Books.


Winnicott, D. W. (1965): The Maturational Processes and the Facilitating Environment. International Universities Press.

 
 
 

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