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Psychodynamische Paartherapie – was steckt hinter unseren Konflikten?

Autorenbild: Dr. phil. Gesche Janzarik
Dr. phil. Gesche Janzarik
vor 6 Tagen
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

der Schatten eines Paares auf einem Feldweg

Sie streiten über die Spülmaschine, über Termine, über den Tonfall – und hinterher wissen Sie beide, dass es eigentlich um etwas anderes ging. Viele Paare kennen das Gefühl, sich immer wieder im selben Kreis zu drehen, obwohl sich beide etwas anderes wünschen. Hinter solchen Wiederholungen steckt oft mehr als ein Kommunikationsproblem – und genau dort setzt die psychodynamische Paartherapie an. In diesem Beitrag erklären wir, wie dieser Ansatz arbeitet, was die Wirksamkeit bekannt ist und wann eine Paartherapie sinnvoll sein kann.


Das Unbewusste des Konflikts

Wer in eine Paartherapie kommt, bringt meist ein konkretes Anliegen mit. Häufig sind es Kommunikationsprobleme, Dauerstreit oder eskalierende Auseinandersetzungen, Uneinigkeit über Kinderwunsch oder Erziehung, sexuelle Probleme, eine Außenbeziehung oder die Frage, ob man sich trennen sollte. Oft geraten Paare auch an Übergängen in die Krise, etwa kurz vor der Hochzeit, wenn Nähe und Verbindlichkeit zunehmen, nach der Geburt des ersten Kindes oder wenn die Kinder aus dem Haus gehen.


Auffällig ist, wie ähnlich sich die Konflikte eines Paares über die Jahre bleiben. Die Anlässe wechseln, das Muster bleibt. Ein typisches Beispiel ist ein Kreislauf, in dem sich beide im Recht fühlen. „Ich kontrolliere dich nur, weil du dich ständig entziehst.“ – „Und ich ziehe mich zurück, weil du mich ständig kontrollierst.“ Jeder sieht im Verhalten des anderen die Ursache, keiner seinen eigenen Anteil am Kreislauf.


Die psychodynamische Paartherapie geht davon aus, dass solche Muster kein Zufall sind. Paare, die Hilfe suchen, teilen oft ein gemeinsames Thema aus früheren Beziehungserfahrungen, das sie in ihrer aktuellen Partnerschaft unbewusst wieder in Szene setzen (Roesler, 2024).


Warum wir uns den Partner wählen, den wir wählen

Psychoanalytisch betrachtet ist die Partnerwahl nur zum Teil eine bewusste Entscheidung. Wir alle tragen verinnerlichte Beziehungserfahrungen in uns, in der Fachsprache Objektbeziehungen genannt. Sie prägen, was wir von neuen Beziehungen erwarten – und sie üben einen leisen Druck aus, die aktuelle Partnerschaft nach dem vertrauten Muster zu gestalten.


Häufig fühlen wir uns gerade von einem Menschen angezogen, der etwas verkörpert, was uns selbst fehlt oder was wir bei uns unterdrücken. Fragt man Paare, was sie anfangs aneinander fasziniert hat, sind es nicht selten genau die Eigenschaften, die später zum Streitpunkt werden. Die Lebendigkeit des einen wird zur „Unzuverlässigkeit“, die Ruhe des anderen zur „Langeweile“. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass diese Eigenschaften im eigenen Leben zu kurz kommen.


In der psychoanalytischen Paartherapie wird dieses Zusammenspiel als Kollusion bezeichnet (Dicks, 1967; Willi, 1975). Gemeint ist, dass zwei Menschen einen ähnlichen ungelösten Grundkonflikt aus ihrer Kindheit teilen, ihn aber in scheinbar gegensätzlichen Rollen austragen. Je nach zugrunde liegendem Thema geht es dabei um Selbstwert, Versorgung, Macht und Kontrolle oder Rivalität. Das Tückische daran ist, dass jeder dem anderen eine Rolle zuweist und sie ihm dann zum Vorwurf macht.


Eine Partnerschaft gelingt dann, wenn beide sich abwechselnd stützen und gestützt werden können und sich als gleichwertig erleben. Zur Kollusion kommt es, wenn die unbewussten Ängste und Bedürfnisse so stark sind, dass diese Beweglichkeit verloren geht und die Rollen erstarren.


Das Gemeinsame der Partnerschaft

In der psychodynamischen Paartherapie kommen beide Partner gemeinsam. Im Mittelpunkt steht also nicht der eine oder die andere, sondern die Beziehung selbst – gewissermaßen als etwas Drittes, das beide miteinander geschaffen haben und nur durch beide veränderbar ist. Die Therapeutin richtet ihre Aufmerksamkeit auf das Gemeinsame, und auch auf das, was dem Paar selbst nicht bewusst ist. Oft halten Paare gemeinsam an einem Muster fest, weil eine Veränderung unbewusst mit Angst verbunden ist. Man könnte zu viel Nähe zulassen oder zu viel Eigenständigkeit, den anderen verlieren oder sich selbst. Diese gemeinsame Abwehr zu erkennen, ist ein wesentlicher Teil der Arbeit.


Die Therapeutin bietet sich dabei als dritte, reflektierende Position an. Von dort aus kann sie benennen, was sich zwischen den Partnern wiederholt, ohne Partei zu ergreifen. So entsteht ein Raum, in dem beide die berechtigte Kritik des anderen wieder hören und als Chance für sich selbst begreifen können. Denn der Partner sieht oft genau das an uns, was wir selbst nicht sehen. Er ist sozusagen die Stimme des eigenen Unbewussten (Roesler, 2024). Das alleinige Bestreben ist es also nicht, dass das Paar gar keine Konflikte mehr hat. Ziel ist es vielmehr, dass beide Partner mehr Verständnis für sich selbst und den anderen aufbauen und die Unterschiedlichkeit des anderen annehmen können. Wer erlebt, dass der Partner nicht dem inneren Bild entspricht, das man von ihm hat, kann dieses Bild korrigieren – und an der Beziehung wachsen.


Ein Blick auf die Forschung

Chronische Paarkonflikte belasten nicht nur die Beziehung, sondern auch das Wohlbefinden und die psychische wie körperliche Gesundheit beider Partner. Umgekehrt schützt eine tragfähige Beziehung. In einer großen Metaanalyse mit Daten von mehr als 500 Millionen Menschen hatten Verheiratete ein um 24 Prozent niedrigeres Sterberisiko als Alleinstehende (Roelfs et al., 2011).


Auch Kinder sind betroffen. Elterliche Konflikte wirken sich messbar negativ auf ihre Entwicklung aus. Offen ausgetragener Streit schadet Kindern allerdings nicht, wenn es den Eltern gelingt, ihn zu lösen und sich wieder zu versöhnen. Dann werden die Eltern sogar zum Vorbild dafür, wie man Konflikte gut bearbeitet.


Die Wirksamkeit von Paartherapie ist in kontrollierten Studien gut belegt, die Effektstärken liegen im mittleren Bereich (d = 0,7 bis 0,8). Für den psychodynamischen Ansatz besonders aufschlussreich ist eine Studie, die verhaltenstherapeutische mit einsichtsorientierter, also psychodynamischer Paartherapie verglich (Snyder et al., 1991). Am Ende der Behandlung und ein halbes Jahr später zeigten sich keine Unterschiede. Vier Jahre danach aber hatten sich 38 Prozent der Paare aus der verhaltenstherapeutischen Gruppe scheiden lassen, aus der psychodynamischen Gruppe nur 3 Prozent. Das passt zu einem Befund aus der Einzeltherapie. Bei psychodynamischen Behandlungen nehmen die Verbesserungen nach Therapieende häufig sogar noch zu (Shedler, 2010).


Ist Paartherapie für uns hilfreich?

Eine Paartherapie kann hilfreich sein, wenn sich Konflikte wiederholen, ohne dass sich etwas verändert, wenn Nähe oder Sexualität verloren gegangen sind, nach einem Vertrauensbruch, etwa durch eine Affäre, oder wenn ein Paar vor einer wichtigen Entscheidung steht. Auch wenn einer der Partner in Einzeltherapie ist, kann ein gemeinsames Setting sinnvoll sein, denn wenn sich einer der beiden verändert, verändert sich die Beziehung oft mit.


Paartherapie bedeutet nicht, dass die Beziehung um jeden Preis "gerettet" werden muss. Manchmal geht es darum, die Sehnsucht loszulassen, im anderen vollständiges Glück zu finden. Das Loslassen des Wunsches nach einer "idealen Partnerschaft" kann Erleichterung verschaffen und neue Möglichkeiten für das Paar eröffnen. In anderen Fällen läuft die Therapie darauf hinaus, eine Trennung so zu gestalten, dass beide und vor allem die Kinder möglichst wenig Schaden nehmen und den Schmerz besser zu verarbeiten.


Kommt es in einer Beziehung zu körperlicher Gewalt, steht zunächst der Schutz der Betroffenen im Vordergrund. Ob und wann ein gemeinsames Setting dann sinnvoll ist muss man im Einzelfall entscheiden.


In einem gemeinsamen Erstgespräch klären wir, was Sie als Paar zu uns führt und ob eine psychodynamische Paartherapie sinnvoll ist. Wie häufig und wie lange wir miteinander arbeiten, stimmen wir danach gemeinsam ab. Dafür braucht es nicht das Ziel, dass die Partnerschaft gerettet werden muss. Oft reicht der gemeinsame Wunsch, die Beziehung besser verstehen zu wollen und eine Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten.


Quellen

  • Dicks, H. V. (1967). Marital Tensions. London: Routledge & Kegan Paul.

  • Roelfs, D. J., Shor, E., Kalish, R. & Yogev, T. (2011). The rising relative risk of mortality for singles: Meta-analysis and meta-regression. American Journal of Epidemiology, 174(4), 379–389.

  • Roesler, C. (2024). Psychodynamische Paartherapie. Göttingen: Hogrefe.

  • Shedler, J. (2010). The efficacy of psychodynamic psychotherapy. American Psychologist, 65(2), 98–109.

  • Snyder, D. K., Wills, R. M. & Grady-Fletcher, A. (1991). Long-term effectiveness of behavioral versus insight-oriented marital therapy: A 4-year follow-up study. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 59(1), 138–141.

  • Willi, J. (1975). Die Zweierbeziehung. Reinbek: Rowohlt.

 
 
 

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